Das war's, Friedman!
Verdientes Aus für den Ankläger

Michel Friedman hat den gegen ihn ergangenen Strafbefehl akzeptiert. Vor laufender Kamera räumte er säuselnd ein, einen "Fehler" begangen zu haben. Die "Jüdische Allgemeine" hatte ihren Geschäftsführer Friedman bis zuletzt hartnäckig verteidigt. Interessant ist, wen das Blatt durch persönliche Erwähnung sozusagen adelt bzw. ausdrücklich auszeichnet: "Zu jenen, die zur Vorsicht mahnten und die Berliner Staatsanwaltschaft kritisierten, gehören die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber, die SPD-Politiker Rudolf Scharping und Michael Naumann, die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und die frühere Grünen-Chefin Claudia Roth." Den Beitrag der "Jüdischen Allgemeinen" mit der Überschrift "Ein Skandal wird gemacht" verfasste übrigens "Bild am Sonntag"-Chefkolumnist Lambeck.
Dem Friedman-Klüngel, den die "Jüdische Allgemeine" hier so sehr hochleben lässt, wäre es in der Tat beinahe gelungen, den Spieß umzudrehen und das "jüdische Gewissen der deutschen Nation" (Seligmann) doch noch mit der Opferrolle zu betrauen. Das Feuer der Verleumdung war bereits voll und ganz auf die Staatsanwaltschaft in Berlin gerichtet, wo man "braun gefärbte Juristen" (Filmproduzent Artur Brauner) auf der Spur des Friedman wähnte. Dass Michael Naumann, einstmaliger Kultur-Staatssekretär und Herausgeber der "Zeit", den Berliner Generalstaatsanwalt Karge (seit 1965 SPD-Mitglied) als "durchgeknallt" bezeichnet hatte, bringt ihm nach entsprechender Strafanzeige nun ein Verfahren wegen Beleidigung ein.
Die "Bild"-Zeitung sah sich unterdessen schon an der Spitze der Bewegung gegen die Berliner Justiz als man vergangene Woche suggerierte, die Ermittler hätten ihre Erkenntnisse versehentlich in die Küche einer Pizzeria gefaxt. Die Aufregung war enorm. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, und die Berliner CDU triumphierten bereits, sprachen von "Erklärungsbedarf" bzw. von einem "justizpolitischen Skandal". Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch noch niemand mit der Tölpelhaftigkeit des Friedman-Anwaltes gerechnet. Sie stoppte die Hatz auf bewährte und erfahrene Beamte. In Expertenkreisen war ohnehin völlig unbestritten, dass die Ermittler zu jeder Zeit überaus korrekt und hundertprozentig vorschriftsmäßig vorgegangen waren, allen voran Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinheuer, Leiter der zuständigen Hauptabteilung Organisierte Kriminalität.
Sehr spannend ist, was der "stern" vorige Woche in diesem Zusammenhang mitzuteilen hatte: "Nach dem Mauerfall ermittelte Fätkinheuer gegen die so genannte Russen-Mafia, Gangster, die es vor allem auf die Vermögen der in Berlin ansässigen Exilrussen abgesehen hatten. Viele der längst in Berlin lebenden Russen, meist jüdische Emigranten, hatten im Schutz der örtlichen jüdischen Gemeinden mit Ikonen, Rauschgift und Falschgeld Millionen gescheffelt. Dabei war auch der Filmproduzent und Immobilienbesitzer Artur Brauner wiederholt ins Blickfeld der Staatsanwälte gekommen. Der parteilose Fätkinheuer stand zweitweilig unter Personenschutz."

Von Nachmann zu Friedman…

Man möge sich ausmalen, so der "Aufbau" (das 1934 in New York gegründete "transatlantische jüdische Blatt"), wie Friedman wohl reagiert hätte, wäre einer seiner Intimfeinde bei einem vergleichbaren Fehlverhalten erwischt worden. Das Blatt stöhnt: "Hätte man sich vor der Affäre überlegt, was der Super-Gau für den Zentralrat sein könnte, hätten die Szenarien kaum schlimmer sein können." Im "Aufbau"-Beitrag ist sogar von einem "zweiten Fall Nachmann" die Rede. Zur Erinnerung: Werner Nachmann, langjähriger Präsident des Zentralrats (1969–1988) und CDU-Mann, war einst als Wiedergutmachungs-Betrüger enttarnt worden. Er hatte Millionen (vermutlich 15 Millionen Euro oder mehr) aus der deutschen Steuerkasse, gezahlt für NS-Opfer, in seine bankrottreifen Unternehmen, vor allem in seine marode Lumpensortieranstalt gesteckt und mit dem Geld auch Politiker und Journalisten gefügig gemacht.
Erst Nachmann, jetzt Friedman.Ausgerechnet Friedman! Der ewige Moralist und Dauerankläger! Der "eitle Geck" (Michael Fürst, Direktoriumsmitglied im Zentralrat), der – so Galinski-Tochter Evelyn – auf "gefährliche und unerträgliche Weise Antisemitismus-Angst bei den Juden" schürte und der für Moishe Arye Friedman, Oberrabbiner der Orthodoxen Jüdischen Gemeinde in Wien, sogar eine "Gefahr für das Judentum" darstellt. Evelyn Hecht-Galinski ("Ich als Jüdin sage: Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik ist unerträglicher und verabscheuungswürdiger Staatsterror") hatte Friedman aufgefordert, seine "jüdischen Ämter" ruhen zu lassen.
Ausgerechnet Friedman! "Da kommt er hereingerauscht, mit zwei Aktenkoffern in jeder Hand. Wie immer braungebrannt und wie aus dem Ei gepellt. Anthrazitfarbener Zweireiher aus feinem Tuch, weißes Hemd mit Haifischkragen, gestreifte Seidenkrawatte in leuchtenden Farben. Die schwarzen Haare mit Gel in Form gebracht" ("Die Woche", 1994). So ertrugen wir ihn. Der "Spiegel" über Friedman: "Die Vergangenheit ist wie ein Parfum geworden, das ihn umwabert. Wo er auch hinkommt, es riecht sofort nach schwerster Betroffenheit."
Ausgerechnet Friedman! Jetzt ist Schluss mit Arroganz und Einseitigkeit, mit großem Gehabe und Gehässigkeit; vorbei die TV-Unerträglichkeiten, die Anklagen, das offen und provokativ ausgelebte Anti-Deutschtum. Das passt einigen Zeitgenossen nicht. Serge Cwajgenbau, Generalsekretär des Europäischen Jüdischen Kongresses, sieht Friedman als Opfer einer "einseitigen und aggressiven Kampagne", und Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kulturgemeinde Wien, will gar einen "Angriff auf das europäische Judentum" erkannt haben. Dass sich das Mitleid der Deutschen mit Friedman in allerengsten Grenzen hält, ist jedoch nicht etwa eine Form des "Antisemitismus", sondern normal und nachvollziehbar.
Bald sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges muss es möglich sein, Michel Friedman nicht zu mögen und ihm sein Ende als Morallehrer von Herzen zu gönnen, ohne gleichzeitig in den Verdacht der Judenfeindlichkeit zu geraten. Selbst dem "Aufbau" ist klar: "Friedman vertritt keine Gemeinde, sondern vor allem sich selbst."

Sven Eggers

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